Was bedeutet Automatisierung für mich als Informatiker?
Als Informatiker, der sich viel mit Künstlicher Intelligenz und Automatisierung beschäftigt, sehe ich darin enorme Möglichkeiten. Gleichzeitig denke ich, dass wir gerade deshalb eine besondere Verantwortung haben, uns ehrlich mit den gesellschaftlichen Folgen unserer Arbeit auseinanderzusetzen.
Automatisierung bedeutet Effizienz aber nicht nur
Eine typische Herangehensweise an Automatisierung sieht vereinfacht ungefähr so aus:
Man betrachtet einen bestehenden Prozess, identifiziert einen Schritt, der sich vergleichsweise einfach automatisieren lässt, und entwickelt dafür eine technische Lösung.
Anschließend zeigt man beispielsweise, dass diese Lösung in 80 % der Fälle zuverlässig funktioniert. Der Prozess wird dadurch effizienter, weniger menschliche Arbeit wird benötigt und möglicherweise können Personalkosten eingespart werden.
Aus technischer und wirtschaftlicher Sicht ist das zunächst ein Erfolg.
Aber was bedeutet dieser Erfolg für den Menschen, dessen Aufgabe wir gerade automatisiert haben?
Wenn die einfachen Aufgaben verschwinden
Besonders nachdenklich macht mich, dass häufig gerade die einfacheren und repetitiven Tätigkeiten zuerst automatisiert werden.
Natürlich können solche Tätigkeiten langweilig oder anstrengend sein. Gleichzeitig erfüllen sie aber noch eine andere Funktion: Sie ermöglichen Menschen den Einstieg in einen Beruf.
Niemand beginnt seine Karriere mit den schwierigsten Aufgaben.
Wir lernen durch einfache Aufgaben, sammeln Erfahrungen, machen Fehler und übernehmen anschließend schrittweise komplexere Tätigkeiten. Wenn wir immer mehr dieser Einstiegsaufgaben automatisieren, stellt sich deshalb die Frage:
Wie sollen Menschen die Erfahrung sammeln, die sie für die komplexeren Aufgaben benötigen?
Das betrifft nicht nur klassische Industriearbeitsplätze.
Auch wir Informatiker automatisieren zunehmend Teile unserer eigenen Arbeit. KI kann heute Code schreiben, Fehler suchen, Dokumentation erstellen, Tests generieren, Daten analysieren und bei vielen weiteren Aufgaben unterstützen.
Wir werden dadurch produktiver.
Gleichzeitig sollten wir uns aber eingestehen, dass dieselben Mechanismen, mit denen wir andere Tätigkeiten automatisieren, langfristig auch unsere eigenen Berufe verändern können.
Was passiert, wenn wir immer weniger Menschen brauchen?
Technischer Fortschritt hat schon immer Berufe verändert und neue geschaffen. Trotzdem halte ich es für gefährlich, daraus automatisch abzuleiten, dass dies auch bei jeder zukünftigen Form der Automatisierung genauso sein muss.
Was passiert beispielsweise, wenn Automatisierung und KI tatsächlich dazu führen, dass für dieselbe wirtschaftliche Leistung erheblich weniger menschliche Arbeit notwendig ist?
Sind wir gesellschaftlich darauf vorbereitet?
Was passiert bei dauerhaft hoher Arbeitslosigkeit?
Und vor allem:
Was machen Menschen, wenn ihre Arbeit wirtschaftlich nicht mehr benötigt wird?
Arbeit bedeutet schließlich mehr als Einkommen.
Für viele Menschen bedeutet sie Struktur, soziale Kontakte, Anerkennung und das Gefühl, etwas zu erschaffen oder einen Beitrag zur Gesellschaft zu leisten. Deshalb halte ich die Vorstellung, dass Menschen einfach nicht mehr arbeiten müssen und damit automatisch glücklich sind, für zu einfach.
Wer profitiert von Automatisierung?
Hinzu kommt für mich eine entscheidende Verteilungsfrage.
Automatisierung erzeugt einen enormen wirtschaftlichen Wert. Doch dieser Wert verteilt sich nicht zwangsläufig gleichmäßig.
Wer Kapital, Daten, Rechenleistung und die notwendigen Technologien besitzt, kann durch Automatisierung immer produktiver werden. Gleichzeitig könnten Menschen, deren Arbeitskraft dadurch weniger benötigt wird, wirtschaftlich unter Druck geraten.
Im schlimmsten Fall entsteht ein sich selbst verstärkender Prozess:
Wer Zugang zu Automatisierung besitzt, kann immer mehr automatisieren und dadurch weiteres Kapital aufbauen. Wer diesen Zugang nicht besitzt, profitiert wesentlich weniger davon.
Technischer Fortschritt könnte damit paradoxerweise gleichzeitig den gesellschaftlichen Wohlstand erhöhen und die Ungleichheit vergrößern.
Das wäre für mich kein besonders erfolgreicher Fortschritt.
Wir brauchen neue Ideen
Ich glaube deshalb, dass wir uns bereits heute intensiver mit diesen Fragen beschäftigen sollten.
Dabei geht es mir ausdrücklich nicht darum, Automatisierung zu verhindern.
Im Gegenteil: Wenn Maschinen gefährliche, monotone oder unnötige Arbeit übernehmen können, ist das grundsätzlich etwas Positives. Das Ziel sollte meiner Meinung nach aber nicht nur sein, möglichst viel zu automatisieren.
Wir sollten uns gleichzeitig fragen, wie möglichst viele Menschen von der dadurch gewonnenen Produktivität profitieren können.
Dafür brauchen wir Forschung, politische Diskussionen und wahrscheinlich auch völlig neue Ideen.
Eine mögliche Idee wäre beispielsweise eine Form von Automatisierungssteuer: Wenn Unternehmen durch Automatisierung erheblich menschliche Arbeit ersetzen und dadurch Produktivitätsgewinne erzielen, könnte ein Teil dieses zusätzlichen wirtschaftlichen Nutzens wieder der Gesellschaft zugutekommen.
Eine solche Steuer bringt allerdings sofort neue Probleme mit sich.
Was zählt überhaupt als Automatisierung? Wie misst man ihren wirtschaftlichen Wert? Wie verhindert man, dass Unternehmen ihre Aktivitäten in andere Länder verlagern? Und müsste eine solche Regelung letztendlich international koordiniert werden?
Ich weiß nicht, ob eine Automatisierungssteuer die richtige Lösung ist.
Vielleicht gibt es wesentlich bessere Modelle.
Genau deshalb halte ich die Diskussion darüber für wichtig.
Verantwortung bedeutet für mich auch, Fragen zu stellen
Als Informatiker möchte ich Technologien entwickeln, die Probleme lösen und Menschen unterstützen.
Aber ich glaube, unsere Verantwortung endet nicht bei der Frage:
„Funktioniert meine technische Lösung?“
Wir sollten uns genauso fragen:
„Was passiert, wenn meine technische Lösung funktioniert?”
Automatisierung kann uns produktiver machen, gefährliche Arbeit reduzieren und einen enormen gesellschaftlichen Wohlstand erzeugen.
Die entscheidende Frage ist für mich deshalb nicht, ob wir automatisieren sollten.
Die entscheidende Frage ist:
Wie gestalten wir eine Gesellschaft, in der der durch Automatisierung entstehende Wohlstand möglichst vielen Menschen zugutekommt und in der Menschen weiterhin das Gefühl haben, gebraucht zu werden und etwas Sinnvolles beitragen zu können?
Darüber sollten nicht erst zukünftige Generationen nachdenken.
Wir sollten es heute tun.